Ich reite einen idyllischen Hohlweg runter. Allein. Mein Pferd bleibt abrupt stehen. Die Ohren sind gespitzt und auf etwas links von uns fixiert. Ich muss mich erst einmal orientieren, war ich doch gerade noch im Lummerland meiner Gedanken gewesen. Wie immer habe ich nicht Acht gegeben auf unsere Umgebung. Immer muss mein Pferd alles alleine machen. Ich glaube, das war ein Mountainbikefahrer auf den schräg parallel verlaufenden Kiesweg durch den Wald. Also ich sehe nix! Mein Pferd schon. Start immer noch auf den Punkt vor uns. „Komm Keks, das war nur ein Moutainbikefahrer. Alles gut.“ Keks zögert. „Naja, wenn Du meinst“. Nach 2 Schritten springt ein Reh von links nach rechts, 2 m von uns, über den Weg und verschwindet gleich in der nächsten Sekunde zwischen den Bäumen. „Mmmh“ Keks und ich schauen, den noch wippenden Ästen zu. – Ohne Witz!- mein Pferd dreht den Kopf zu mir um – wie so ein Thelwell Pony – schaut mich lange an:“Mmmh…ein Moutainbikefahrer – is schon klar!“. „He, aber genauso gefährlich!“ war mein oberschlauer Satz. Seit dem Zeitpunkt hatte ich nichts mehr zu melden, wenn es um den Umgebungsradar und die Entscheidung gehen-wir-weiter-oder-nicht ging. Ich war raus. Also wirklich so was darf einem Fluchttierherdenchef einfach nicht passieren. Diese absolut gravierende Fehleinschätzung hätte tödlich sein können. Da darf man sich wirklich nicht wundern, wenn man, wie bei meinem Pferd, gleich seines Amtes entbunden wird.
Etwas beruhigend ist, dass macht sie übrigens auch bei anderen Pferden. Wenn mein Keks den Eindruck gewinnt, dass das Pferd, das aktuell beim Ausritt vorne geht, seinen Job nicht richtig macht. Uiiii. Dann kommt unter mir so ein entnervter Seufzer. So wie von einem Teenager, wenn die Eltern ja mal wieder so gar nichts blicken. Der Schritt erhöht sich energisch – ahh mein Pferd hat doch einen 10er Schritt. Notfalls wird der vierbeinige Dilettant vor uns mit einen kleinen Bodycheck zur Seite gestellt und dann gehen wir halt vorne. Hocherhoben Hauptes, Gespritzten Ohren und wachen sowie aufmerksamen Augen. Die Umgebung im Griff. Alles – wirklich alles, im Blick.
Es ist aber nicht so, dass mein Pferdchen diese anstrengende Führungsrolle auf so einem Ausritt nicht wieder abgeben könnte. Oh das kann sie. Ich kann Euch sagen wann. Kurz vor zu Hause oder zufälligerweise vor ganz grusseligen Ecken. Ja, dann bleiben wir ganz ausversehen stehen. Warum? Nun, um schwerdenken verträumt in die Ferne zu sehen, oder sich dringend, also wirklich extrem dringend, sich sofort am Vorderbein kratzen. Bei dieser Gelegenheit lässt man ganz unauffällig und unbewusst das andere Pferd vorbei. Und schickt es auf den bekannten und damit langweiligen Weg oder eben in den sicheren Tod. Bei der Variante kurz vor zu Hause – hallen die Worte mit: „ So, kannst auch mal was machen, Du Pfeife!“. Bei der Variante grusselige Ecke: „Geh, ruhig schon mal vor. Ich bin dicht hinter Dir. Würde Dir aber nicht helfen, also im Falle, eines Falles.“
Aber immer und auch ganz sicher, wird in allen Fällen abgeschnaubt, wenn man wieder zusammen zuhause ist. Und man freut sich schon wieder auf das nächste Mal. Denn nach einem Ausritt ist immer vor einem Ausritt.