Katzen können unglaubliche Temperaturen aushalten. Egal ob Kälte, aber ganz besonders Wärme.

Meine Katze Merry war der Großmeister in Sachen Wärme. Sie war und ist immer noch mein großes Vorbild, wenn es um wahres tiefstes Genießen geht. Stundenlang konnte sie im Winter auf der heißen Heizung liegen und komatös schlafen. Sie war sicher zwischen Wand und Sofarücken. Unter ihr das Feuer einer modernen Heizungsanlage. Sie war immer ganz benommen und bestimmt war ihr schwarz vor Augen, wenn sie sich alle paar Stunden aufrichtete, löwengleich gähnte, einen Katzenbuckel dabei machte – Ihre einzige einer körperlichen sportlichen Aktivität ähnelnden Bewegung der letzten Stunden – und das Steak auf dem Grill …äh ihren Körper mühevoll auf die andere Seite hievte. Um gleich wieder in einen weit entferntes Traumland zu entschwinden. Das war gelebtes Zen-Wissen.

Wenn da nicht meine Mutter gewesen wäre.

Merry merkte noch wie sie in ihrer Buddha-Welt das Schweben anfing. Wie wenn sie auf sanften sichern Händen gebettet durch den Raum, wie auf einer Sänfte getragen wurde. Ach war das himmlisch. Das Klicken einer Türe durchbrach diese wohlige Atmosphäre und gab der Szene etwas leicht störend Weltliches.

Doch jäh und ausgesprochen brutal durchschnitt die kalte oberbayerische Winterluft die Traumwelt und das wohlige Gefühl zersprang in tausend Schneeflockenkristalle. Wie mit einen eisiger Peitschenschlag schnitt der nächtliche Wind in ihr Fell. 21 -22-23… Herzschlag und Atmung setzen gleichzeitig und stoßartig wieder ein. Und da war es wieder dieses Klicken der Tür. Nur hörte es sich von außen deutlich dumpfer an. Unter ihrem Popo herrschten schlagartig keine 1000 Grad mehr – nein, es waren eher -5 Grad und die kurzen Borsten des Fußabstreifers pieken wie Nageln.

„Die Katze kann doch nicht den ganzen Tag nur auf der Heizung liegen. Die muss auch mal an die frische Luft. Und außerdem bestimmt mal aufs Klo?“

„Äh, wann war der Moment gewesen, in dem ich auch nur angedeutet hätte, dass ich jetzt sofort dringend raus muss?“

Ich beobachte meine arme Katze durch die Scheibe. Sie weiß, dass ein Gegenkommentar meine Mutter nicht wirklich interessiert. Und auch ein perfekt ausgearbeitetes und vorgetragenes Gegenplädoyer nichts bringen wird. Das hatte ich ihr schon erklärt aus meinen langjährigen bisherigen bescheiden Erfahrungsschatz. Sie meint es schließlich nur gut.

Merry verweilt mit leicht gesenkten Blick und in Falten geworfener Stirn in dieser unglücklichen Situation. Mein Anstand verbietet mir hier den genauen Wortlaut ihres Zwiegespräches mit sich selbst wiederzugeben. Und dann seufzt sie schwer, nimmt Haltung an und trabt tapfer nach rechts aus meinen Blickwinkel. Frech und leicht tanzt ihre Schwanzspitze hinter ihr her.

Ich schaue unauffällig auf meine Uhr. Ziemlich genau 5 Minuten später. Tanzt meine Katze nun von links wieder in mein Blickfeld. Ich grinse und ertappe mich dabei, das ich stolz wie ein Mutter bin, auf meine tolle Katze. Ist sie doch meinen Rat gefolgt: geh einmal „aufwändig“ ums Haus, dabei musst Du auch nicht einmal in den nassen Schnee tapsen. Warte kurz und dann erscheinst Du wieder vor der Tür und möchtest rein.

Aber Merry hat meinen Rat eigentlich gar nicht nötig. Schlaue Samtpfote. Von ihr kann ich noch was lernen. Der Auftritt war Oskar verdächtigt. Perfekt und ausgesprochen überzeugend war auch ihr Outfit. So einfach und so effektiv. Diese hübsche knallrote kleine Stupsnase rundete das natürliche Bühnenbild perfekt ab. Wie ein kleiner artfremde Rudolph-red-nose mauzte sie jämmerlich auf der anderen Seite der 3-fach Verglasung. Wenn das nicht wirkte. Streckte man sich mit seiner zierlichen und athletischen Bauchseite grazil am Fensterkreuz nach oben. Um im dritten Schritt seinen Blick tief in die Seele der Wohnzimmer Besucher zu richten und als lebende Anklage vor der Scheibe zu erstarren. 21- 22- 23… irgendjemand steht auf und öffnet die Tür. Gekonnt wird diese Person keines Blickes gewürdigt und geschwind verschwindet die Katze zwischen Wand und Sofarücken. Endlich können die kleinen süßen und eindeutig zu kalten Pfoten sich wieder aufwärmen…